Partizipation von Menschen mit Behinderungen. Ein Forschungsprojekt im Rahmen eines Reallabors zur kooperativen Entwicklung, Erprobung und Evaluation von Partizipationsräumen.
Thema und Konzept:
Partizipation von Menschen mit Behinderungen: Ein Forschungsprojekt im Rahmen eines Reallabors zur kooperativen Entwicklung, Erprobung und Evaluation von Partizipationsräumen
Partizipation gilt in der Sozialen Arbeit als normatives Leitprinzip und ist rechtlich, fachlich und sozialpolitisch breit akzeptiert. Dies gilt auch für die Arbeit mit Menschen mit Behinderungen. Im seit 2017 schrittweise in Kraft getretenen Bundesteilhabegesetz wird Partizipation in den Fokus gerückt, verbunden mit dem Ziel, die Forderung „nichts über uns ohne uns“ rechtlich zu verankern. Damit setzt es dem eigenen Anspruch nach um, was in der UN-Behindertenrechtskonvention von 2006 vorgegeben wurde und fordert zugleich die Verantwortlichen für die Gestaltung von Eingliederungshilfeleistungen auf, für und mit den Adressat*innen ihrer Angebote Partizipationsräume zu eröffnen und zu erweitern.
Zugleich lässt sich dem sozialarbeitswissenschaftlichen Diskurs entnehmen, dass Partizipation kein eindeutig bestimmtes Konzept darstellt, sondern je nach Kontext, Ebene und Akteur*innengruppe unterschiedlich interpretiert und mit verschiedenen Zielvorstellungen verknüpft wird (vgl. Debiel/Wagner 2017). Es gibt keine präzise Begriffsbestimmung oder ein übergreifendes Realisierungskonzept für die Soziale Arbeit (vgl. Rieger 2025). Und auch für den spezifischen Bereich der „Behindertenhilfe“ gibt es kein ausgearbeitetes Konzept, das als Folie anwendbar wäre und den Aufbau partizipativer Sozialräume im engeren Sinne anleiten könnte. Hinzu kommt die generelle Brisanz des Ansinnens, Partizipationsräume auszweiten. Denn der angestrebte Partizipationszuwachs der einen Statusgruppe reduziert automatisch den Grad an Einfluss anderer Statusgruppen. Dadurch berührt der Aufbau von Partizipationsräumen immer konkrete Interessen und droht Machkämpfe zu evozieren.
Vor diesem Hintergrund möchte die geplante Forschungs- und Entwicklungswerkstatt (FEW) nun durch eine empirische Studie einen Beitrag zur Antwort auf die Frage leisten, wie Partizipationsräume von Menschen mit Behinderungen geschaffen oder erweitert werden können. Sie wird durch das „Forschungsteam Behinderung und Teilhabe der Evangelischen Hochschule“ (FBT) geleitet und kooperiert mit dem Hamburger Sozialunternehmen „Sozialkontor gGmbH“, das Assistenzleistungen für Menschen mit Behinderungen anbietet und sich entschieden hat, die Partizipationsmöglichkeiten seiner Nutzer*innen systematisch weiterzuentwickeln und auszubauen.
Die Kooperation findet in der Form eines „Reallabors“ statt. Hierbei handelt es sich um ein Format, das wissenschaftliche Erkenntnisinteressen von Forschenden und Entwicklungsziele der Praxis miteinander verbindet und Forschung in realen Handlungskontexten stattfinden lässt (vgl. Defila/Di Giulio 2018). Die Praxis wird dabei nicht lediglich untersucht, sondern selbst zum Ort der gemeinsamen Erprobung, Reflexion und Weiterentwicklung.
Für die FEW heißt dies, dass Partizipation zugleich Gegenstand, Ziel und Methode eines kooperativen Forschungs- und Entwicklungsprozesses ist (vgl. Defila/Di Giulio 2018; Keeley et al. 2019). Ihr spezifisches Ansinnen ist es, in diesem Rahmen herauszufinden
- was die unterschiedlichen beteiligten Akteur*innengruppen unter Partizipation verstehen,
- welche Ziele sie mit Partizipation verbinden und
- welche Bedarfe, Erwartungen und Grenzen aus ihrer jeweiligen Perspektive bestehen.
Die durch diesen Forschungsprozess der FEW erfolgte datenbasierte Klärung bildet sodann die fachliche Grundlage für die anschließende Entwicklung und Erprobung konkreter Partizipationsräume sowie deren Evaluation, an der sich das „FTB“ auch über die Arbeit der FEW hinaus umfassend beteiligt.
Erwartbar sind durch dieses Forschungsprojekt sowohl spezielle Erkenntnisse über die konkreten Möglichkeiten des Sozialunternehmens Sozialkontor gGmbH, Partizipationsräume zu entwerfen und weiter zu entwickeln. Zudem ist zu erwarten, dass die Ergebnisse generalisierbar sein werden und dem sozialarbeitswissenschaftlichen Diskurs zu Partizipationsmöglichkeiten im Bereich der Behindertenhilfe qualifizierte Impulse beisteuern können.
Ausgewählte Bezugstexte des Forschungsprojektes
Debiel, S.; Wagner, L. (2017): Partizipation in der Sozialen Arbeit. Geschichtliche Entwicklung und professionstheoretische Verortungen. In: Schäuble, B.; Wagner, L. (Hrsg.): Partizipative Hilfeplanung. Wiesbaden: Springer VS, S. 14-27.
Hirschberg, M.; Papadopoulos, C. (2017): Partizipation behinderter Menschen. In: Diehl, E. (Hrsg.): Teilhabe für alle?! Lebensrealitäten zwischen Diskriminierung und Partizipation. Schriftenreihe Band 10155 der Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn. S. 103-129.
Keeley, C.; Munde, V.; Schowalter, R.; Seifert, M.; Tillmann, V.; Wiegering, R. (2019): Partizipativ forschen mit Menschen mit komplexem Unterstützungsbedarf. In: Teilhabe, 58(3), S. 96–102.
Rieger, H. (2025): Partizipation. In: socialnet Lexikon. Online verfügbar unter: https://www.socialnet.de/lexikon/Partizipation (Zugriff: 12.01.2026).
Röh, D.: (2018): Soziale Arbeit in der Behindertenhilfe, Stuttgart:UTB
Defila, Rico; Di Giulio, Antonietta (2018): Reallabore als Quelle für die Methodik transdisziplinären und transformativen Forschens – eine Einführung. In: Defila, Rico; Di Giulio, Antonietta (Hrsg.): Transdisziplinär und transformativ forschen. Eine Methodensammlung. Wiesbaden: Springer VS, S. 9–35.
Straßburger, G.; Rieger, J. (2019): Partizipation kompakt. Für Studium, Lehre und Praxis sozialer Berufe, Weinheim: Beltz Juventa
Vereinte Nationen (2006): Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (UN-Behindertenrechtskonvention). New York. (Deutsche Übersetzung: Bundesgesetzblatt 2008 II, S. 1419 ff.)
Wiese, A.; Nauerth M.: Teilhabe, in ESozAO Enzyklopädie online, Beltz Juventa, 69469 Weinheim, ISSN: 2944-4160, 2026S.1 (3.6.26)
Wiese, A.; Röh, D.; Nauerth, M. (2024): Teilhabe, Capabilities und daseinsmächtige Lebensführung. Eine theoretische Verknüpfung in der Perspektive Sozialer Arbeit. In: Soziale Arbeit: Zeitschrift für soziale und sozialverwandte Gebiete, 73, S. 101-107
Projektzeitraum:
Oktober 2026 bis März 2028
Ansprechpersonen:
Finanzierung:
Die FEW erhält als Teil des Projektes - “Reallabor „Partizipationsräume schaffen” – eine finanzielle Förderung durch den kooperierenden Träger Sozialkontor gGmbH.