„Aufarbeitung endet nie.“
Am 11. Juni 2026 fand im Wichern-Saal der Fachtag zum Thema "Risse von gestern, Fragen von heute - Wege für morgen? Die NS-Vergangenheit des Rauhen Hauses als Auftrag für die Zukunft" statt. Dieser wurde von der AG „Das Rauhe Haus im Natioalsozialismus“ der Evangelischen Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie geplant und durchgeführt. Mit rund einhundert Gästen war der Wichern-Saal gut gefüllt, darunter Lehrende und Studierende der Hochschule, Alumni, ehemalige Professor*innen und Mitarbeitende des Rauhen Hauses sowie weitere geschichtsinteressierte Teilnehmer*innen.
Eine studentische Initiative.
Im Sommersemester 2025 fiel der Startschuss für das studentisch initiierte Projektseminar „Das Rauhe Haus im Nationalsozialismus – ein neuer Versuch der Aufarbeitung und Forschung“ im Bachelor-Vollzeitstudiengang. Vorangegangen waren die Fragen: An welche Geschichte des Rauhen Hauses neben Wichern wird eigentlich erinnert, und an welche nicht? Darauf aufbauend: Welche Rolle spielte das Rauhe Haus eigentlich im Nationalsozialismus?
In ihren ersten Nachforschungen stießen die Studierenden auf die mündlich überlieferte Bezeichnung „Braunes Haus“ sowie ein Lehrforschungsprojekt aus den frühen 1980er Jahren, das sich mit den nationalsozialistischen Verstrickungen des Rauhen Hauses und der dort tätigen Brüderschaft beschäftigte. Anknüpfend an dieses Projekt, das eine der ersten Geschichtswerkstätten zur Aufarbeitung der Sozialen Arbeit im Nationalsozialismus darstellte, nahmen die Studierenden mit Unterstützung von Prof. Johannes Richter den Faden wieder auf. Sie widmeten sich dem Thema mit neuen Fragestellungen, modernen Methoden und mit einem Blick auf Leerstellen. Nach zwei arbeitsintensiven und erkenntnisreichen Semestern präsentierten sie ihre Zwischenergebnisse und kamen gemeinsam mit weiteren Vertretern aus Wissenschaft und Forschung darüber ins Gespräch.
Ein Ort, an dem Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft zum Dialog zusammenkommen.
Den Fachtag eröffnete Stefan Kraemer, der als Student der Evangelischen Hochschule stellverstretend für die AG „Das Rauhe Haus im Nationalsozialismus“ sprach, mit der Frage, wie Erinnerungskultur gestaltet und welche Verantwortung Institutionen tragen sollten. „Wir müssen weg kommen von einer Aufarbeitung, die ritualisiert ist, oder ritualisiert wird. Sie darf nicht bei Gedenktafeln und historischer Dokumentation enden. Aufarbeitung darf niemals ein Schlussstrich darstellen – auch wenn heute mehr Menschen als je zuvor genau das fordern.“ Neben diesen gedanklichen Ansätzen wurde auch Kritik an der bisherigen Darstellung der NS-Zeit der Stiftung geübt.
Anschließend begrüßte Prof. Dr. Kristina Dronsch (Präsidentin der Ev. Hochschule für Soziale Arbeit & Diakonie) die Gäste mit den Worten: „Die Bühne heute gehört den Studierenden.“ Im Weiteren verdeutlichte sie die Relevanz von historischem Wissen und die Bedeutung einer Erinnerungskultur für Studierende der Sozialen Arbeit und führte aus: „Das Wissen um die NS-Zeit und um diese Institution in dieser Zeit ist nicht nur bloß als historisches Wissen angemessen zum Ausdruck gebracht. Aufarbeitung ist kein abgeschlossener Prozess. Daher ist dieser Fachtag ein Ort, an dem Wissenschaft, Praxis und Gesellschaft zum Dialog zusammenkommen. Er lebt von der Begegnung verschiedener Perspektiven.“
Aus der Vergangenheit mit Blick in die Zukunft.
Genau diese Perspektiven boten die weiteren Beiträge des Fachtags: Der Historiker Dr. Michael Häusler (Leiter des Archivs und der Bibliothek für Diakonie und Entwicklung in Berlin) verdeutlichte in seinem Vortrag, wie es in der Zeit des Nationalsozialismus innerhalb der Brüderschaft des Rauhen Hauses zu einem bestimmtem Verhalten kommen konnte, und welche Motivation die beteiligten Diakone hatten. Dabei ging er auf die Vorgeschichte der Diakonie, die Diakonenschaft in der Zeit des Nationalsozialismus und ihre Restauration nach 1945 ein.
In der Mittagspause luden die Studierenden zu einem interaktiven Rundgang ein. In einer Poster Session legten sie die Zwischenergebnisse ihrer Quellenarbeit und die Arbeitsschritte der letzten zwei Semester offen. Besonders beeindruckt waren Gäste im Wichern-Saal über die Aufarbeitung von acht Zöglingsakten. Anhand dieser Fälle wurden die Erziehungsmethoden und -ansätze in der NS-Zeit eindrücklich veranschaulicht. Darüber hinaus wurden Funktionäre des Rauhen Hauses porträtiert und deren Einbindung in die Zeit des Nationalsozialismus nachgezeichnet.
Unterstützt und finanziert durch die Stiftung Das Rauhe Haus wird das Seminar ab dem Wintersemester 2026/27 zusammen mit Prof. Johannes Richter als Forschungs- und Entwicklungswerkstatt „Das Rauhe Haus im Nationalsozialismus – Aufarbeitung und Verantwortung“ im Master-Studiengang der Evangelischen Hochschule fortgesetzt. Die folgenden im Bachelorseminar herausgearbeiteten Leerstellen werden dabei leitend sein:
- der zeitgenössische Antisemitismus in Stiftung und Brüderschaft und seine Auswirkungen auf Organisation und Interaktion innerhalb der Stiftung;
- die erzieherischen Praktiken in den Jahren 1933-1945 mit besonderem Blick auf geschlechterdiskriminierende, sozialrassistische und antisemitische Argumentations- und Handlungsmuster;
- die ideologische Neuausrichtung der Ausbildungspraxis im Diakonen- und Wohlfahrtspflegeseminar sowie
- die personellen und organisationalen Einbindungen des Rauhen Hauses in den „Mustergau“ Hamburg
Dafür werden Zöglingsakten herangezogen, die bis heute in einem nicht benutzbaren Zustand im Archiv des Rauhen Hauses lagerten, nun aber restauriert werden.
Erinnern als Verantwortung.
Den Abschluss des Fachtags bildete ein Podiumsgespräch. Dabei standen unter anderem die Fragen im Vordergrund, wie Erinnerungskultur gestaltet wird und welche Verantwortung Institutionen tragen.
Zunächst berichteten Barbara Rose und Bruder Sieghard Bußenius, die beide am Projektseminar „Brüderschaft im 3. Reich“ beteiligt waren, über die Anfänge der Forschung zum Thema an der Hochschule in den 1980er Jahren. Sieghard Bußenius stellte als zentrale Frage in den Raum, was bei langsamer Auflösung der Anstalt in den Jahren 1940-1943 aus den Heimbewohnern geworden ist.
Auf die Frage, wo es Lücken in der Aufarbeitung der NS-Zeit am Rauhen Haus gibt, antwortete Pastor Dr. Andreas Theurich (Vorsteher der Stiftung Das Rauhe Haus): „Wir dürfen uns nicht auf dem Bestehenden ausruhen. Für uns als Organisation ist es wichtig, reflektiert auf die eigene professionshistorische Geschichte und auch ihre Schattenseiten zu schauen. Heute ist unser Leitbild überschrieben mit ‚Liebe zur Vielfalt‘. Mit Blick auf aktuelle politische und gesellschaftliche Herausforderungen lautet unsere Aufgabe, dies im Rahmen gegenwärtiger Bewegungen zu verteidigen.“
Prof. Dr. Kristina Dronsch (Präsidentin Ev. Hochschule) hob die Bedeutung struktureller Verankerungen in Wissenschaftsorganisationen für die Forschung hervor. „Forschungseinrichtungen brauchen kontinuierliche Angebotsstrukturen, in die die Forschung einfließen kann“, sagt sie.
Als ‚Anlaufstelle für Antisemitismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit‘ berät, unterstützt und begleitet Spiegelbild Wiesbaden Organisationen und Institutionen. In ihrer Arbeit geht es Thure Alting und Benny Momper immer auch um die Auseinandersetzung mit der Nicht-Auseinandersetzung nach 1945. Sie wünschen sich eine selbstkritische Beschäftigung mit der Professionsgeschichte in Institutionen.
Eine besondere Bedeutung haben die vorgestellten Forschungsergebnisse zu den Zöglingsakten des Rauhen Hauses. Dr. Uwe Kaminsky (Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin Charité Berlin) verdeutlichte die Relevanz solcher Dokumente. Je nach Kontext spiegeln sie einerseits die Zuschreibungen wider, die die Betroffenen innerhalb der Institution erfahren haben, und andererseits die Sicht auf das eigene Schicksal.
An diesem Tag wird eines deutlich: Aufarbeitung darf niemals einen Schlussstrich darstellen. Erinnern ist eine Verpflichtung gegenüber den Opfern – und gegen das Vergessen. Die Arbeit der AG „Rauhes Haus im Nationalsozialismus“ ist hierfür ein zentraler Baustein und wir sind gespannt auf die Erkenntnisse aus der weiterführenden Forschung. Die Ergebnisse werden zu gegebener Zeit auf unserer Website im Bereich Forschung veröffentlicht.
(Text und Fotos: Johanna Tiedemann)
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Poster Session zeigt Zwischenergebnisse des Projektseminars „Das Rauhe Haus im Nationalsozialismus – ein neuer Versuch der Aufarbeitung und Forschung“)
Die AG „Das Rauhe Haus im Nationalsozialismus“ zusammen mit Prof. Johannes Richter.
Rund 100 Gäste waren zum Fachtag gekommen.
Das Podiumsgespräch bot Raum für Austausch und Antworten auf die Fragen, wie Erinnerungskultur gestaltet wird und welche Verantwortung Institutionen tragen.
Studierende im Gespräch mit Dr. Uwe Kaminsky.
In der Mittagspause luden die Studierenden zu einem interaktiven Rundgang mit Poster Session ein.