Disability Studies sind zu Beginn der 1980er Jahre aus der politisch-emanzipatorischen Behindertenbewegung in den USA und Großbritannien hervorgegangen. Ihnen liegt ein Verständnis von Behinderung (engl. disability) zugrunde, wie es auch in der Konvention der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen, kurz: UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) aufgegriffen wurde. Behinderung wird dabei als gesellschaftliche Praxis verstanden. Diese besteht aus sozialem, politischem und kulturellem Ausschluss sowie der Diskriminierung und Marginalisierung von Menschen, die von Behinderung betroffen sind. Ursache dafür sind soziale und kulturelle Bedingungen, ebenso Einstellungen und Verhaltensweisen, denen zufolge Abweichungen von der klinischen Norm des Gesunden, Normalen, Nichtbehinderten als unerwünscht gelten.
Disability Studies analysieren in allen akademischen Disziplinen die Bedingungen und Prozesse des Ausschlusses, die Behinderung zur Folge haben. Die UN-BRK formuliert die Allgemeinen Menschenrechte aus der Perspektive von Menschen, die von Behinderung betroffen sind. Deshalb kann gesagt werden: Disability Studies bilden die theoretische Grundlage der UN-BRK.
Sowohl die UN-BRK als auch Disability Studies verfolgen dabei ein gemeinsames Ziel: Inklusion – verstanden als allgemeines Menschenrecht im Sinne von umfassender gesellschaftlicher Partizipation. Dabei geht es Disability Studies jedoch keineswegs nur um die Gleichstellung von Menschen, die von Behinderung betroffen sind. Das Ziel muss vielmehr sein: Der Abbau und die Überwindung von Barrieren, damit alle an der Gesellschaft partizipieren können. Dies betrifft insbesondere die Beseitigung von Ungleichheitsstrukturen und Benachteiligungen am Arbeitsmarkt. Um aber u.a. dieses Ziel zu erreichen, ist die Berücksichtigung und Erforschung von Behinderung im Rahmen von Analysen zu sozialer Ungleichheit und Antidiskriminierung unentbehrlich.
Disability-Kompetenz
- bedeutet, die Erfahrungen und Sichtweisen von Menschen, die von Behinderung betroffen sind, in den Mittelpunkt zu stellen;
- heißt, sensibel zu werden für Prozesse der Stigmatisierung und Fremdbestimmung von Menschen, die von Behinderung betroffen sind;
- bezeichnet das Vermögen, diskriminierende Bedingungen und Verhältnisse zu erkennen und entsprechende Veränderungsbedarfe aufzuzeigen;
- beinhaltet Wissen zu Grundannahmen in Disability Studies unter maßgeblicher Berücksichtigung des Konzepts der Intersektionalität, nämlich der Frage, wie sich verschiedene Ungleichheitskategorien gegenseitig beeinflussen;
- soll zur Umsetzung der UN-BRK und damit zur Verwirklichung der Allgemeinen Menschenrechte beitragen.
Wozu eine Zertifizierung?
Seit März 2009 ist die UN-BRK geltendes Recht in Deutschland. Ihre Umsetzung ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Angesprochen sind neben staatlichen Stellen auch sämtliche Unternehmen und Institutionen der Zivilgesellschaft. Es gilt, ein Disability Mainstreaming zu verankern, um strukturelle Voraussetzungen zur Gleichstellung und Chancengleichheit für Menschen, die von Behinderung betroffen sind, zu schaffen und zwar in allen gesellschaftlichen Bereichen. Anzustreben ist laut UN-BRK ein „inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen“ (Artikel 24) und ein inklusiver Arbeitsmarkt (Artikel 27). Dies ergibt in allen Berufsfeldern neue Anforderungen. Dazu bedarf es einer Disability-Kompetenz als Schlüsselqualifikation.
Zertifikat Disability-Kompetenz
Im Rahmen der hochschulübergreifenden Veranstaltungsangebote des Zentrums für Disability Studies und Teilhabeforschung (ZeDiSplus) können Sie Disability-Kompetenz entwickeln und durch ein Zertifikat ausweisen lassen.