Das Rauhe Haus im Nationalsozialismus - Aufarbeitung und Verantwortung

Mit den tradierten Säulen von Internats- und Schulbetrieb einerseits und diakonisch-wohlfahrtspflegerischer Ausbildungsstätte andererseits, ist das Rauhe Haus im Nationalsozialismus‘ wiederholt zum Gegenstand historischer und erinnerungskultureller Untersuchungen geworden (vgl. Ev. Hochschule 1981/88; Häusler 1995; Kunstreich 1997/2014; Bußenius 2000/2009; Schmuhl 2008) Allerdings ist die historische Aufarbeitung dieses Kapitels Hamburger Diakonie- und Sozialarbeitsgeschichte bisher nur bruchstückhaft erfolgt und durch spezifische Blickverengungen geprägt. Vor dem Hintergrund der aktuellen gesellschaftspolitischen Gesamtentwicklung und der herannahenden 100. Wiederkehr der sogenannten „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten 1933, die auch in der Stiftung eine wichtige zeitgeschichtliche Zäsur darstellte (vgl. Ev. Hochschule 1981/88; Klee 1989, S. 52 ff.; Häusler 1995, S. 238 ff.), gewinnen entsprechende Fragestellungen derzeit wieder an Bedeutung (vgl. Amthor u.a. 2022 a/b; Althing 2024). Insbesondere das politische Wiedererstarken rechtspopulistischer und rechtsextremistischer Positionen sowie steigende Zahlen rassistischer und antisemitischer Übergriffe verleiht einer kritischen Auseinandersetzung (auch) mit dem kollektiven Gedächtnis der Sozialen Arbeit neue Dringlichkeit. Dieses Unterfangen ist eng verknüpft mit der zivilgesellschaftlichen Aufgabe, einen verantworteten erinnerungskulturellen Umgang mit der Geschichte in Stiftung und Stadtgesellschaft zu finden und zu gestalten.

Im Rahmen eines dreisemestrigen, im Oktober 2026 startenden MA-Lehrforschungsprojektes, das Impulse und Zwischenbefunde einer studentischen Seminarinitiative aus dem SoSe 2025 und WiSe 2025-26 aufgreift, wird unter Leitung von Prof. Dr. Johannes Richter eine vertiefende, quellenbasierte Untersuchung zur ideologischen und organisationalen Verortung des Rauhen Hauses, seines Ausbildungsbetriebes und dessen Bedeutung für die erzieherische Praxis im Übergang von Weimarer Republik, Nationalsozialismus‘ und früher Bundesrepublik durchgeführt.

Die bisherige Forschung weist dabei vor allem vier Lücken auf, deren Schließung sich das Lehrforschungsprojekt vornimmt. Diese betreffen:

  1. den zeitgenössischen Antisemitismus in Stiftung und Brüderschaft und seine Auswirkungen auf Organisation und Interaktion innerhalb der Stiftung;
  2. die erzieherischen Praktiken während der Jahre 1933-1945 mit besonderem Blick auf geschlechter-diskriminierenden, sozialrassistischen und antisemitischen Argumentations- und Handlungsmustern;
  3. die ideologische Neuausrichtung der Ausbildungspraxis im Diakonen- und Wohlfahrtspflegeseminar sowie 
  4. die personellen und organisationalen Einbindungen des Rauhen Hauses in den „Mustergau“ Hamburg. 

Das Lehrforschungsprojekt basiert auf klassischen historiografisch-hermeneutischen Methoden sowie diskursanalytischen Zugängen, in die die ca. 12 MA-Studierenden im WiSe 2026-27 systematisch eingeführt werden. Im Rahmen einer partizipativen Projektgestaltung entwickeln die Studierenden darauf aufbauend eigene thematische Teilschwerpunkte und arbeiten entsprechende methodische Zugänge aus. Auf der Grundlage von in Gruppenarbeit zu erstellenden Forschungsexposés werden im SoSe 2027 neben zeitgenössischen Einzelpublikationen und Periodika, bereits digitalisierte Verwaltungsakten der Stiftung und relevanter Fach- bzw. Trägerverbänden sowie bisher nur in Teilen bzw. noch nicht untersuchte Personenakten und Einzelnachlässe (Brüderakten, Internatszöglingsakten, Nachlass Fritz Engelke,...) quellenkritisch gesichtet und ausgewertet. Ergänzend zu den einschlägigen Beständen des Stiftungsarchivs wird die Recherche auf die Archive ausgewählter Landeskirchen sowie einschlägige Bestände relevanter Staats- resp. Landesarchive ausgedehnt.

Das WiSe 2027-28 ist für die zusammenführende Auswertung, Verschriftlichung und Diskussion der studentischen Teilforschungsvorhaben vorgesehen.

Die fortlaufende fachdiskursive Einbindung sowie die Unabhängigkeit erfolgen durch eine vorgängige Fachveranstaltung an der Hochschule, im Rahmen von Kolloquien mit auswärtigen Wissenschaftler*innen sowie durch die Einrichtung eines Forschungsbeirates. 

Ziel ist es, eine den aktuellen Forschungsstand berücksichtigende, quellengesättigte und kritische Darstellung der Geschichte des Rauhen Hauses im NS im Zeitraum 1925 bis ca. 1950 zu erarbeiten. In Form eines Sammelbandes sollen die Ergebnisse der (Fach-)Öffentlichkeit im Herbst 2028 öffentlich vorgestellt und zur Diskussion gestellt werden.

 

Literatur: 

Althing, Thure (2024): Eine Profession und die Schuld. Die Soziale Arbeit und ihr Umgang mit dem Nationalsozialismus von 1945 bis 1990 In: Neue Praxis, S. 193-211.

Amthor, Ralph Christian; Kuhlmann, Carola; Bender-Junker, Birgit (Hrsg.) (2022a): Kontinuitäten und Diskontinuitäten Sozialer Arbeit nach dem Ende des Nationalsozialismus. Band 1: Berufsbiografische Verläufe zwischen ideologischen Kontinuitäten, Migration und Reeducation. Weinheim: Beltz/Juventa

Amthor, Ralph Christian; Kuhlmann, Carola; Bender-Junker, Birgit (Hrsg.) (2022b): Kontinuitäten und Diskontinuitäten Sozialer Arbeit nach dem Ende des Nationalsozialismus. Band 2: Institutionen, Ausbildung und Arbeitsfelder Sozialer Arbeit nach 1945. Weinheim: Beltz/Juventa

Bußenius, Sieghardt (2000): Zionistische Erziehung im Norddeutschen Moor. Die Ausbildungsstätte des Hechaluz auf dem Brüderhof bei Harksheide. In: Schleswig-Holsteinischer Heimatbund (Hrsg.): Jahrbuch 2000 für den Kreis Stormarn, S. 116-130.

Ders. (2009): Zionistische Erziehung im Norddeutschen Moor. Die Ausbildungsstätte des Hechaluz auf dem Brüderhof bei Harksheide. Überarb. u. erweiterte Fassung. Online abrufbar unter: www.schoah.org/schoah/bruederhof-2.htm (Zugriff: 09.03.2026)

Ev. Fachhochschule für Sozialpädagogik der Diakonenanstalt des Rauhen Hauses (1981): Brüderschaft und 3. Reich. Hamburg: Selbstverlag.

Dies. (1988): Brüderschaft und 3. Reich. Ergänzte Neuaufl. Hamburg: Brüder und Schwesternschaft des Rauhen Hauses.

Häusler, Michael (1995): Dienst an Kirche und Volk. Die Deutsche Diakonenschaft zwischen beruflicher Emanzipation und kirchlicher Formierung (1913 - 1947). Stuttgart ; Berlin ; Köln : Kohlhammer

Klee, Ernst (1989): Die SA Jesu Christi. Die Kirchen im Banne Hitlers. Frankfurt am Main : Fischer-Taschenbuch-Verl.

Kunstreich, Timm (2009): Grundkurs Soziale Arbeit. Sieben Blicke auf Geschichte und Gegenwart Sozialer Arbeit. Band I. (4. Auf.) Bielefeld: Kleine.

Schmuhl, Hans-Walter (2008): Senfkorn und Sauerteig. Die Geschichte des Rauhen Hauses zu Hamburg 1833-2008. Hamburg: Agentur des Rauhen Hauses.

Projektzeitraum:
Oktober 2026 bis März 2028
Kontakt:
RH_im_NS@rauheshaus.de

Ansprechpartner_innen:

Kofinanzierung:
Das Projekt wird durch die Stiftung: Das Rauhe Haus kofinanziert. Beantragt ist zu dem die finanzielle Förderung der Aufbereitung der Internatszöglingsakten durch die Koordinierungsstelle für die Erhaltung schriftlichen Kulturgutes des Bundes.